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Dieser
Artikel erschien erstmals im Gemeindebrief April/Mai 2002 S. 6 -
10
Auferstehung Jesu - zwischen Empirie und PhantasieDie
fundamentale Bedeutung der Auferstehung Jesu für den
christlichen Glauben kann nicht bestritten werden. Sie geht schon
aus 1. Kor 15, 14 hervor, wo es heißt: „Wenn
Christus nicht auferstanden ist, dann ist eure Predigt leer und
leer auch euer Glaube."
Wir erkennen diese grundlegende Bedeutung der Auferstehung
Jesu für das ganze Neue Testament aber auch daran,
daß alle neutestamentlichen Überlieferungen von Jesus
von dieser Erfahrung der Auferweckung Jesu, d.h. von den
Begegnungen der Apostel mit dem Auferstandenen her gebildet
wurden. Weder die Berichte über den vorösterlichen
Jesus noch die Botschaft von der Heilsbedeutung des Kreuzes Jesu
für uns wären ohne sie, ohne das Ostergeschehen denkbar
gewesen. Auch die Entwicklung der Christologie, der
neutestamentlichen Lehre über Person und Werk Jesu Christi,
fußt auf dieser Erfahrung. Wie sonst hätte sich die
Meinung bilden können, dass Jesus der erwartete "Messias"
und "Menschensohn" ist, der "endzeitliche Richter" der Lebenden
und der Toten? Beides hängt an der als Gottes
Machttat verstandenen Auferstehung Jesu, mit der ein neuer
Äon, eine neue Zeitrechnung angebrochen ist. An der
fundamentalen Bedeutung der Auferstehungserfahrung ist daher
nicht zu zweifeln. Die Frage ist nur, wie real die ihr
zugrunde liegende und von den ersten Christen überall
behauptete Auferweckung Jesu ist und ob sie für uns
nachweisbar (verifizierbar) ist. Dabei ist wichtig, festzustellen, dass die Auferweckung bzw. Auferstehung Jesu nicht als isoliertes Einzelereignis genommen werden darf. Was heißt das? Das heißt zum einen, dass sie kein bloßes Mirakel sein will, dass die Auferstehung Jesu vielmehr Teil eines größeren Ganzen ist, auf das sie zurück- bzw. vorausweist. Erstens ist sie Teil des ganzen Handelns Jesu. Durch sie wird sein Handeln erst vollendet (wie seine Heilungen und Wunder, die von ihm ausgesprochene Sündenvergebung, aber auch die Radikalität seiner definitiven Ansage des Willens Gottes in Bergpredigt und Passionsgeschichte zeigen). Ohne sie wäre sein Handeln auch im besten Sinne nur ein historisches Fragment, ein bloßes Versprechen ohne letzte Erfüllung. Zweitens stellt ihn seine Botschaft vom kommenden Gottesreich, das mit ihm schon angebrochen ist, in jene Erwartungs- und Hoffnungsgeschichte hinein, die das ganze Alte Testament untergründig durchzieht und auf einen Neuen Bund zwischen Gott und Mensch (über Israel hinaus) hindrängt. Zum andern weist die Auferstehung Jesu auf ein
letztes Gotteshandeln hin, das unser ganzes Dasein
verwandelt. In den apokalyptischen Visionen des
Spätjudentums (vom 3. Jahrhundert vor Jesus bis zu seiner
Zeit) ist sogar von einer gewaltsamen Umgestaltung und Neuwerdung
der Welt die Rede, wobei das Tun der Menschen sie selbst und ihre
Welt in eine so ausweglose Krise hineinstürzt, dass allein
Gott aus dieser Krise heraus einen Neubeginn für alle
Menschen herbeiführen kann. Diese ultimative Hoffnung
verbunden mit der Forderung nach Umkehr als einziger
Möglichkeit, dem Verhängnis, dem die Welt
entgegenstrebt, entgehen zu können, gibt sich mit
bloßem Flickwerk nicht zufrieden. Sie richtet sich auf
nichts weniger als einen neuen Himmel und eine neue Erde
und damit auf eine neue Menschheit, also auf die Erneuerung der
ganzen Schöpfung. Dies ist die alles umfassende
geschichtliche Dimension der Auferstehung Jesu, die im
Glauben an ihn immer gegenwärtig gehalten werden muß.
In den Worten des Apostels Paulus klingt das so: "Sind wir in
Christus, so sind wir eine neue Kreatur, das Alte ist
vergangen; siehe, Neues ist geworden." (2. Kor 5) Aber können wir all dies noch glauben, nachdem wir das
Weltall erkundet haben und mit unseren Raumschiffen in immer
tiefere Tiefen fast leerer Himmels-Räume vorstoßen auf
der Suche nach dem Ursprung des Weltalls und des Lebens? Kann es dann überhaupt einen Beweis für die
Auferstehung Jesu geben? Aber dass er die ihm widerfahrene Erscheinung überhaupt
so beschrieb, nämlich als Auferstehung bzw. Auferweckung
Jesu, wie er selber durchgängig sagt, hängt
natürlich damit zusammen, dass er wie viele andere Juden
(z.B. die Pharisäer) zur Zeit Jesu an die allgemeine
Totenauferstehung glaubte und alle Hoffnung auf menschliche
Erneuerung mit der globalen Totenauferstehung als erstem Akt der
Errichtung einer weltumspannenden Gottesherrschaft verband. Wäre Christus nicht auferstanden, so gäbe es nach
Paulus auch keine "Theologie" des Kreuzes, so wären wir noch
in unseren Sünden gefangen, so könnten wir unsere
Hoffnung nicht auf ihn setzen und auf die Erlösung aus dem
"Zorngericht" Gottes (1. Thess 1, 9f.) würden wir
umsonst warten. Alles bliebe beim alten. Wir können diese
Überlegungen auch so zuspitzen: Wenn es (gegen Röm
4!) keine Totenauferstehung aufgrund eines
zukünftigen Handelns Gottes geben könne,
wie sie viele Juden damals massiv erhofft haben (und wie es
vereinzelt auch schon im Alten Testament nachzulesen ist), dann
ist es auch nicht sehr wahrscheinlich, dass Jesus von den Toten
auferstanden ist. Zumindest wäre es schwierig, die
österliche Erfahrung der Jünger Jesu nachträglich
als Totenauferstehung zu beschreiben mit all dem, was für
sie damit verbunden war: Gericht, Neuschöpfung, Heil
für die ganze mit Jesus im Glauben vereinte Menschheit. Man
könnte dann höchstens fragen, ob das Geschehen, das wir
als seine Totenauferstehung bezeichnet haben, mehr war als eine
Erscheinung, wie man sie im Traum von Verstorbenen haben
kann. Und das ist nicht nur seine eigene individuelle Sicht- und Denkweise, sondern die Sicht vieler, um nicht zu sagen der meisten aus dem jüdischen Raum stammenden Christen der ersten Stunde, soweit sie ihren Glauben gegenüber Heiden in eine allgemeinverständliche Form zu bringen versuchten. Moderne Menschen, die nicht gewohnt sind, in diesem (apokalyptischen) Schema eines unauflösbaren Zusammenhangs von Mensch, Welt und Gott über sich selbst nachzudenken und die dennoch nach einem letzten Sinn in ihrem Leben fragen, werden sich zumindest die Frage stellen müssen, ob es angesichts der Unüberschreitbarkeit der Todeserfahrung einen unzerstörbaren und unauslöschlichen Sinn für unser Leben geben kann, solange der Tod selbst das letzte Wort in unserem Leben behält, solange es also über den Tod hinaus für uns nichts zu hoffen gibt. Dann wäre nur jenes Leben sinnvoll zu schätzen, das den Tod nicht zu fürchten braucht, weil es noch jung genug ist oder weil es - lebenssatt - durch das Erlebte selbst eine ausreichend große Erfüllung erlangt hat. Aber gibt es das? Ist der Mensch in diesem Leben je mit irgendeiner Erfüllung restlos zufrieden zu stellen? Und wenn es das gibt, weist uns nicht gerade diese Erfahrung weit über alles Vorfindliche hinaus? Es scheint, als ob auch solche Erfüllung, ja gerade sie, unbegreifbar ist, solange wir nicht von Gott ergriffen sind und im Bekenntnis zu ihm diese Erfahrung neu deuten. Fragt man nach den anderen Elementen der urchristlichen
Osterüberlieferung, so stößt man vor allem auf
die Erzählung vom leeren Grab (Mk 16, 1ff.).
Ohne dass man die Bedeutung der Auffindung des leeren Grabes
für die Entstehung des christlichen Glaubens
überschätzen darf, bildet diese Erzählung
jedenfalls sekundär nach den Erscheinungsberichten den
wichtigsten empirischen Anhaltspunkt für den Glauben der
ersten Christen an den real auferstandenen Christus. Wenn jedoch
das Grab nicht wirklich leer war, dann zeigte die Erfindung
dieser Grabeserzählung zumindest dies, dass der Glaube der
frühen Christen das leere Grab als einen zusätzlichen
Beweis für die Realität der Auferstehung Jesu und zur
Begründung ihres Glaubens in einer bestimmten Situation der
Mission für polemische oder apologetische Zwecke gut
gebrauchen konnte. Von solchen Tendenzen ist der Darstellung des Paulus noch
nichts anzumerken. An seinem Zeugnis ist darüber hinaus
bemerkenswert, dass Paulus es inhaltlich für vergleichbar
hält mit jenem, das ihm (vermutlich) bei seinem ersten
Aufenthalt in Jerusalem bei den dort lebenden Jerusalemer
Apostelkollegen persönlich begegnet ist und das ihm noch
mehr als 20 Jahre später als das grundlegende Zeugnis
für die Entstehung der Kirche und ihres Glaubens
erschien. Andere Beweise für die Echtheit des als
Auferstehung Jesu bezeichneten Geschehens am Ostermorgen und an
den darauffolgenden Tagen und Wochen der ersten Erscheinungen
Jesu bei seinen Jüngern als diese großenteils
nur indirekten Beweise gibt es offensichtlich nicht, wenn
man von der direkten Augenzeugenschaft des Apostels Paulus einmal
absieht, der jedoch dem erhöhten Herrn erst einige
Jahre nach den den Jerusalemer Aposteln zuteil gewordenen
Ersterscheinungen Jesu begegnet war. Pfarrer Wolfgang Massalsky, 26. 3./21. 8. 2002
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