Der neue Papst
Das Papsttum hat sich gewandelt. Sprachen Luther und andere Re-formatoren dem Papsttum die Qualität eines aus dem Glauben hervorgewachsenen Leitungsamtes ab und bezeichneten sie den Papst mitunter sogar als Antichristen wegen seiner (aus damaliger Sicht) falschen Entscheidungen in politischer wie in religiöser Hinsicht, so hat sich zumindest die Selbstpräsentation dieses Amtes und seiner Inhaber im Zeitalter der Medien-Kommunikation doch stark gewandelt: Heute ist es zum Kristallisationspunkt und Identitätszeichen katholischen Christentums in der ganzen Welt geworden. Die Papstmessen sind, wo der Papst mit großem finanziellen und medientechnischen Aufwand angekündigt worden ist, Werbeveranstaltungen katholischer Religiosität in aller Welt geworden. Die evangelischen Theologen und Pfarrer haben diesem kultischen Magneten für die religiös ziellos gewordenen Massen, die auf der Suche nach einer neuen inneren Ausrichtung sind, anscheinend wenig entgegenzusetzen. Etwas Vergleichbares gibt es jedenfalls auf unserer Seite nicht.
Die großen Gestalten des Protestantismus des 20. Jahrhunderts waren oder sind entweder bedeutende Theologen oder sie haben sich in der Ökumene engagiert (A. Schweitzer, N. Söderblom, D. Bonhoeffer, M. L. King, Roger Schütz). Die Generalsekretäre des Weltkirchenrats (wie z. B. Visser’t Hooft), die zumeist aus dem protestantischen Lager kamen, sind bis auf wenige Ausnahmen in der Weltöffentlichkeit kaum registriert worden. Es ist nicht so, dass sie diese Medienaufmerksamkeit nicht verdient hätten, aber sie legten von sich aus darauf weniger Wert. Sie wollten mehr im Verborgenen wirken. Auf ihre Weise waren sie darin gewiß auch sehr erfolgreich.
Den Weltkirchenrat (in dem alle bedeutenden protestantischen und orthodoxen Kirchen mitarbeiten und bis auf die Katholiken praktisch die ganze Christenheit vertreten ist) mit seinen heterogenen Interessen zusammenzuhalten, ist an sich schon eine große Leistung. Allerdings, was ist, wenn das Geld aus Deutschland und Amerika nicht mehr so reichlich fließt wie bisher? Welchen Nutzen hat die Weltökumene vom Genfer Weltkirchenrat in Zukunft? Was ist wenn die Ökumene der Zukunft in erster Linie zwischen Rom und Moskau bzw. den Patriarchen der Orthodoxie geschieht und wenn das seit dem 2. Weltkrieg politisch doch stark geschwächte evangelische Christentum über Schuldbekenntnisse und politische Strategiedebatten hinaus nicht zu einer eigenen glaubensgestützten Zukunftsperspektive findet?
Es ist doch erstaunlich, wie kleinlaut die Repräsentanten des Rates der EKD auf die Herausforderung des Besuches des neuen Papstes in Köln reagiert haben. Bischof Huber, der Ratsvorsitzende, sprach von einer Ökumene der konfessionell gegeneinander geschärften „Profile“ und meinte damit noch das Beste benannt zu haben. Man konnte also die Absetzbewegung der beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland schon rein sprachlich beobachten, obwohl man offiziell davon nichts wissen will. Aber ist das mehr als Schönfärberei? Wo sind Impulse zu erkennen, von denen der Berliner Bischof nach seinem jüngsten Treffen mit dem Papst anlässlich des Kölner Weltjugendtages sprach? Ein Papst, der noch als Kardinal den letzten ökumenischen Kirchentag in Berlin aus der Ferne als Beispiel einer selbstgenügsamen Frömmigkeit, einer sich selbst feiernden Christenheit, abtat, wird wohl kaum viel Kraft in die ökumenische Zusammenarbeit mit den Protestanten investieren wollen, wenn sie nicht wesentlich stärker auf die kath. Lesart des gemeinsamen Glaubens ausgerichtet wird.
Die evangelischen Christen werden also Mühe haben, im Hinblick auf die neuen Erfordernisse mitzuhalten bzw. etwas Eigenes dagegen zu halten, es sei denn sie besinnen sich auf ihre alten Schätze: ihre auf die Stärkung der Gemeinden hin ausgerichtete Verkündigung und Seelsorge an den Menschen unserer Zeit, ihre freiwilligen Bruder- und Schwesternschaften, ihre Spiritualität des Glaubens, die allerdings nicht esoterisch verwässert werden darf. In diesen Dimensionen kann die evangelische Christenheit ihr eigenes Gepräge entfalten.
Die ökumenische Strategie der evangelischen Christenheit scheint daher in dreifacher Weise geändert werden zu müssen: 1. ist das Papsttum für den Protestantismus nicht mehr als Feindbild zu beurteilen, sondern als ein Mittel einer Gesamtdarstellung des Christentums (nicht nur aus Mediengründen) ernst zu nehmen, 2. hieße das, die eigenen spirituellen Kräfte zu reaktivieren und mit ihnen eine erneuerte Religiosität aus evangelischem Geist hervorzubringen oder wieder zu beleben, die sich „sehen“ lassen kann und die die Attraktivität des Evangelischen wieder profiliert. 3. Wenn diese Religiosität, so sie wirklich in unseren Kirchen wieder zu neuem Leben entfacht werden kann (oder schon da ist), sich dann nach der Seite katholischer Spiritualität zu öffnen vermag, dann haben wir in der Tat auch ganz neue Ansatzpunkte für eine wirkliche Ökumene mit der Katholischen Kirche, die über eine neue Beurteilung alter Gegensätze und trennender Dokumente, wie sie inzwischen bereits als erster Schritt auf diesem Weg des Sichneubekanntmachens vollzogen wurde, noch hinauszuführen vermag.
In diesem Zusammenhang scheint es an der Zeit zu sein, endlich auch jene Bemühungen um eine Neubewertung des Papsttums nicht länger als unevangelisch zu diffamieren, die in der Überlegung kulminierten, den Papst als Sprecher der gesamten Christenheit zu akzeptieren. Auf der einen Seite wollen bestimmte Kräfte im Protestantismus jenen, die mit einem gewandelten Papsttum ihren Frieden machen möchten, am liebsten das Wort entziehen, auf der anderen Seite wollen dieselben Kräfte mit Rom eine offene ökumenische „Ehe“ eingehen. Wie passt das zusammen?
Müssen wir in Zukunft nicht zuerst ausloten, wie eine evangelische Gemeinschaft mit der katholischen Kirche unter Führung des Papstes möglich wäre? Dabei wird nicht nur von evangelischer Seite, sondern auch von den anderen ökumenischen Partnern erwartet, dass er als Oberhirte die Einheit der Kirche und die Vielfalt und Eigenständigkeit der Ortskirchen garantiert. Gerade in dieser Hinsicht hatte auch der jetzige Papst als Theologieprofessor eigene Reformansätze entwickelt. Warum ihn nicht beim Wort nehmen?
Wirkliche Impulse für die gemeinsame ökumenische Arbeit scheint es aus heutiger Sicht nur dann zu geben, wenn wir den Papst in viel positiverer Weise als bisher in unsere ökumenische Gespräche einbeziehen. Es mag sein, dass dies für uns ein schwerer Weg ist, aber vielleicht lassen sich dann die immer noch strittigen Fragen des Amtes, des Abendmahls und der Verkündigung besser lösen, als mit dem vergeblich scheinenden Bemühen, das Papsttum bei unseren ökumenischen Erörterungen auszuklammern, obwohl wir es doch nicht umgehen können. Es scheint heute sicherer, sich direkt an die erste Adresse der katholischen Kirche zu wenden, als an die vielen Nebenwohnsitze der katholischen Kirche in den Ortsgemeinden und Diözesen, so wichtig sie weiterhin für die ökumenische Basisarbeit sind.
Ich meine, dies wäre die jetzt wirklich notwendige Antwort auf Weltjugendtag und viele andere Eindrücke, die das Papsttum seit Johannes XXIII. und vor allem seit Johannes Paul II. in der ganzen Welt vermittelt hat. Es sind Signale, die ein adäquates Handeln auf unserer Seite erforderlich machen. Ein bloßes Zuwarten von unserer Seite kann dort nur als Spiel mit der Zeit aufgefasst werden, das zu nichts führt.
Ein Papsttum, das nicht als bloßes Glaubens- und Sittenwächteramt und dogmatische Regulierungsbehörde für die eigene Glaubensauffassung auftritt, vielmehr als ein Amt, das Glaube weder dem Vernunftgebot (und dazu noch einem ziemlich antiquierten) unterwirft, noch umgekehrt die Vernunft zur Magd des Glaubens erklären will, wie das in früheren Jahrhunderten der Fall war, sondern beiden ihren Spielraum und ihre Überschneidungsmöglichkeiten im konkreten Glaubensleben des einzelnen belässt, ein solches Papsttum, das Hirtenfunktion mit politischer Wegweisung und vernünftigem Augenmaß in der Beurteilung der Lebensprobleme des einzelnen in unseren postmodernen Gesellschaften verbindet und dabei nach Wegen aus den Menschheitskrisen unserer Zeit sucht, ist eine viel zu wichtige Institution als dass wir Protestanten sie außer acht lassen dürften.
Jedenfalls ist ein Papst, der sich nicht als Diktator im Namen Christi aufführt, sondern als Diener an der ganzen Kirche versteht, nicht nur ein Hoffnungszeichen für die Welt. Er kann auch ein Zugpferd für die Ökumene der vielfältig gespaltenen Christenheit werden. Allerdings wird es notwendig sein, dieses Amt auf katholischer Seite mit einem entsprechenden Feingefühl für die Belange der ökumenischen Partner auszuüben. Wenn das Boot der katholischen Kirche, wie der Papst meint, groß genug ist, auch die Protestanten darin aufzunehmen, dann sollte man erwarten können, dass er sich bei passender Gelegenheit dazu äußert, ob er die evangelische Kirche als ökumenischen Partner mit in sein Boot nehmen will und wenn ja, unter welchen Bedingungen er dazu bereit ist.