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Aus dem Gemeindebrief September/Oktober 2002 S. 6

Gott gab uns Atem, damit wir leben

Da machte Gott der Herr den Menschen aus Erde vom Acker und blies ihm den Odem des Lebens in seine Nase. Und so ward der Mensch ein lebendiges Wesen.
(1. Mose 2, 7)

Nur der zweite, der ältere Schöpfungsbericht beschreibt Gottes Schöpfungsakt so plastisch und genau: der Mensch wird zunächst aus feuchter Erde geformt. Ein lebendiges Wesen wird er aber dann erst durch den Atem, den Gott ihm einhaucht.

"Gott gab uns Atem, damit wir leben" singen wir im Gesangbuch unter der Nummer 432. Und singend müsste man sich eigentlich auch diesem Thema nähern, weil Atem und Stimme, diese beiden Gottesgaben, sich in der Sprechstimme eigentlich nur in reduzierter Form zeigen und erst in der Singstimme zu ihrer vollen Entfaltung kommen.

"Alles, was Odem hat, lobe den Herrn": Psalm 150 lässt keinen Zweifel daran, wie wir unseren Atem nutzen sollen und dass das Lob des Schöpfers mit Musik geschehen soll.

Die Hektik unserer Zeit lässt uns immer weniger Gelegenheit, bewusst auf unseren Atem zu achten. Wir merken ihn nur, wenn wir mal wieder "außer Atem sind", wenn wir "atemlos" von einem Termin zum nächsten hetzen, wenn uns ein Problem "in Atem hält" oder ein unvorhergesehenes Ereignis gar den "Atem verschlägt".

Immer weniger gelingt es uns, eine "Atempause" einzulegen und "neuen Atem zu schöpfen".

Viele Menschen haben nicht mehr den "langen Atem" für langfristige Vorhaben, sondern leben nur noch von einem Tag zum andern. Jedenfalls gehört der Atem zu den Grundlagen unseres Lebens und ist so selbstverständlich, dass wir ihn eigentlich erst wahrnehmen, wenn er irgendwie ins Stocken gerät. Immer mehr Menschen, auch schon die Kinder, haben die gesunde und natürliche Art der Tiefatmung verlernt, die sie als Kind automatisch beherrschten.

Wenn wir Musik machen, lernen wir wieder, auf einen weichen, fließenden Atem zu achten, ganz gleich, ob wir singen oder ein Instrument spielen. Wir tun damit aber auch etwas für unsere ganze Persönlichkeit und unser inneres Wohlbefinden, weil wir die belastenden Alltagssituationen, die uns den Atem nehmen, hinter uns lassen und uns wieder um eine Verbindung zu dem "Instrument" unseres Körpers bemühen.

Deshalb sind so viele Menschen aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen begeisterte Chorsängerinnen und Chorsänger: weil das intensive Spüren des "lebendigen Atems" ein Erlebnis mit großer Faszination und Befriedigung ist. Die Augenblicke des Glücks, die wir beim gemeinsamen Singen und im gemeinsamen Atmen im Chor erleben, bringen uns der Ursprünglichkeit von Gottes Schöpfung wieder näher.

Zum Glück wird in der Kirche von heute noch gesungen, in der ganzen Gemeinde und in den Chören. Zum Glück gibt es noch Posaunenchöre, die auf ihre Weise den "lebendigen Atem" pflegen. Und zum Glück gibt es noch Menschen, die, allem Zeitgeist zum Trotz, in diesen Chören mitmachen und dabei die heilsame Wirkung des Atmens entdecken können. "Gott gab uns Atem, damit wir leben" - und wir dürfen diesen Atem nutzen und ausnutzen, nicht nur unbewusst für das alltägliche Leben, sondern ganz bewusst und freudig für eine solch wunderbare Sache wie Singen oder Musizieren.

Kantorin Edda Straakholder

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