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Dieser
Artikel erschien erstmals im Gemeindebrief September/Oktober 2002
S. 8 - 9
Zum Verhältnis von
Juden und Christen nach Röm 9-11
Thesen aus dem Arbeitskreis
Bibel und Theologie
- Die Freiheit Gottes und seines Handelns steht
über allem menschlichen Handeln. Diese Glaubenstatsache wird
sowohl von Juden als auch Christen uneingeschränkt bejaht.
Das verbindet sie über alle Gegensätze und Unterschiede
hinweg. Diese Freiheit Gottes, die sich auch darin zeigt, den
Menschen aufgrund seiner Werke verwerfen und aufgrund
seines Glaubens rechtfertigen zu können, wird durch
das Evangelium von Jesus Christus, wie es der Apostel Paulus
verstanden hat, nicht nur nicht angetastet, sondern als
neuschaffende, den Menschen mit Gott versöhnende Macht
seines Erbarmens überhaupt erst zur Geltung gebracht.
- Trotz aller Vermeidung übertriebener Schärfen in
der Beurteilung des Judentums (wie wir sie bei der Behandlung des
Galaterbriefs erlebt haben), konnte jedoch Paulus das Judentum
nicht ganz von Schuld freisprechen, weil es das "Gesetz der
Gerechtigkeit" verfehlt hat, indem es Jesus Christus den Glauben
verweigerte (Röm 9, 30 - 11, 10).
- Andererseits legte sich Paulus eine bemerkenswerte
Zurückhaltung hinsichtlich seiner Kritik an Israel auf
(Röm 11, 11f.). Die Erwählung Israels (11, 2.
28) durch Gott macht Israel zwar nicht unangreifbar, aber eine
leichtfertige Aburteilung des Verhaltens von Juden gegenüber
Jesus ist dadurch unmöglich. Wenn Gott so gehandelt hat,
dass Israel im ganzen Jesus Christus den Glauben verweigert hat
oder gar (wegen des Gesetzes) verweigern musste, so muss dies in
Ratschlüssen (11, 33ff.) Gottes begründet sein, die
jetzt noch unbekannt sind. Jedenfalls ist für Paulus klar,
dass Gott aufgrund seiner Erwählung nur die Rettung Israels
wollen kann (Röm 11, 26).
- Dies ändert nichts daran (V. 28f.), dass die Ablehnung
der paulinischen Rechtfertigungsbotschaft durch die
überwiegende Mehrheit der Juden, denen Paulus das Evangelium
von Jesus Christus genauso leidenschaftlich wie den Heiden
verkündigt hat, aus seiner Sicht ein gegen Gott gerichteter
Akt ist. Daran mag ein falsches Verständnis des Gesetzes
mitschuldig sein. Jedenfalls offenbart das Versagen einer
bestimmten Form von Gesetzesfrömmigkeit gegenüber Jesus
Christus, dass das Heil nicht durch das Gesetz und die Werke
des Gesetzes garantiert ist. Darum ist Christus zugleich als
das Ende des Gesetzes bezeichnet worden. Über ihn hinaus ist
das Gesetz heilsgeschichtlich gesprochen nicht mehr notwendig,
weil es in Christus sein Ziel gefunden hat. Ein vom Glauben an
Gottes unverfügbare Macht und Herrlichkeit (9, 4) bestimmtes
Beachten und Befolgen des Gesetzes sollte freilich davor bewahrt
sein, es weiterhin für menschliche Kasuistik (10, 6f.) zu
missbrauchen. Ein als "Erzieher" (Gal 3, 24) auf Christus hin
verstandenes und eingesetztes Gesetz (wie umgekehrt Christus als
Erfüller und Vollender des Gesetzes verstanden werden muss)
kann eine Brücke zwischen Judentum und Christentum sein.
- Durch den Glauben Abrahams hält Gott an Israel fest,
weil er die Segnung Israels und der Völker in und durch
Abraham nicht aufzuheben gewillt ist.
- Das Christusgeschehen macht also die Erwählung Israels
nicht rückgängig, sondern diese gehört (zusammen
mit dem Glauben Abrahams und dem Gesetz) zu seinen
natürlichen heilsgeschichtlichen Voraussetzungen.
- Deshalb muss man, wenn man sich in dieser Frage von Röm
9-11 (und 7, 4) leiten lässt, den in der traditionellen
evangelischen Theologie für unüberbrückbar
gehaltenen Gegensatz von Gesetzeswerken und Christusglaube heute
stärker relativieren. Denn wenn Paulus die eschatologische
Heilstatsache des Christusglaubens auf einer Linie mit den durch
Abraham, den Sinai-Bund und die Thora (das Gesetz) gegebenen
Gnadengaben Gottes sieht, dann kann doch ein solcher
Gegensatz nur ein relativer sein: D.h. prinzipiell muss da kein
Gegensatz bestehen, wenn der jüdische Glaube im
Sinne des Vertrauens auf Gottes Führung sich nicht
gegen Jesus Christus als der entscheidenden Gnadengabe
Gottes für die ganze Welt (einschließlich Israels)
verschließt.
- Deshalb muss Paulus auch nicht mehr (wie noch im
Galaterbrief) jüdischen Glauben und jüdische
Lebenspraxis grundsätzlich in Frage stellen. Seine
Rechtfertigungslehre in der Fassung des Römerbriefs zwingt
ihn nicht zu antijüdischer Profilierung.
- So kann als die bestimmende theologische Position des
Apostels Paulus bezeichnet werden, dass das Christentum nicht
seine Verankerung im Judentum des Glaubens verlieren darf
(vgl. Röm 11, 16-18; 15, 27), so dass Urteile wie dasjenige
des berühmten protestantischen Theologen Adolf v.
Harnack, dass es eigentlich heute (zu Beginn des 20.
Jahrhunderts) unverständlich sei, dass das AT als
grundlegende Glaubensurkunde der Christenheit beibehalten wurde,
von Paulus her völlig unakzeptabel sind.
- Ja, kann man nach allem was bisher ausgeführt wurde,
sicher behaupten, dass Judentum und Christentum zwei völlig
getrennte Religionen sind? Muss nicht vielmehr behauptet werden,
dass es im Christentum um die Wahrheit des alttestamentlichen
Gottes geht, nämlich darum, wie allein Gottes 1. Gebot in
dieser Welt zur Wahrheit gebracht wird, nämlich als das
Gebot, das uns sowohl zur Gottesliebe als auch zur
Nächstenliebe (über alle Grenzen hinweg) verpflichtet
und dass dies Gebot einzig durch den gekreuzigten und
auferstandenen Christus Jesus (10, 9) erfüllt wurde und
nur im Glauben an ihn (10, 10) auch von uns erfüllt werden
kann?
- Von daher ist es falsch zu behaupten, dass unser Glaube an
Jesus Christus mit dem Judentum nichts mehr zu tun hätte und
erst recht nicht, dass wir es bekämpfen dürften.
Zumindest müssen wir ihm mit Respekt und Toleranz begegnen,
wenn wir uns nicht unserer eigenen Glaubensgrundlagen berauben
wollen. Gott allein wird einen Weg finden, wie er sein
(jüdisches) Volk in die Nachfolge Jesu Christi führen
kann. Das setzt nicht nur die Treue Israels zu Gott voraus,
sondern auch unsere Treue zu dem in Jesus Christus aller Welt
angebotenen Heil.
Pfarrer Wolfgang Massalsky, 28. 8.
2002

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