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Überlegungen zu den Moabiter Predigten Paul TillichsUm Tillichs
Moabiter Predigten zu verstehen, wird man zwei Dinge zu beachten
haben, einmal dass er Student bei Martin Kähler in Halle
war, zum andern dass er durch seine frühe Beschäftigung
mit Schellings Philosophie einen eigenen theologischen Standpunkt
gewonnen hat, auf dem es ihm offenbar von Anfang an klar gewesen
ist, dass die allgemein-menschlichen Grundfragen der
Philosophie (des deutschen Idealismus) in Beziehung zu bringen
sind mit den Grundaussagen der evangelischen Theologie, die ihm
während seines Studiums in Halle besonders eindrucksvoll in
der Gestalt von M. Kählers biblischer
Rechtfertigungstheologie begegnet war.
Dabei ist deutlich, dass er die Aussagekraft des christlichen Glaubens nicht allein aus den Formeln der positiv-kirchlichen Dogmatik erhebt, sondern daneben die Lebenswelt der Menschen, ihre Gegenwartsinteressen daraufhin befragt und untersucht, ob darin ein Bezogensein dieser Menschen in ihrem Fragen und Leben auf eine in der Tiefe sie angehende geistige Macht zum Ausdruck kommt (vermutlich der allererste Ansatz für Tillichs Symboltheorie), in der sich der biblische Gott verbergen kann, den die christliche Theologie nicht nur als den Schöpfer, sondern zugleich auch als den Erlöser des Menschen aus seiner Sünde verkündigt. Dabei kann Tillich Sünde und soziale Missstände einerseits sowie das damit verbundene Lebensganze (Gefühle, Empfindungen, Verhaltens- und Handlungsweisen) der Menschen auf der zwischenmenschlichen Ebene in engen Zusammenhang bringen. Das Ernstnehmen der sozialen Lebensverhältnisse sowie die symbolischen und apologetischen Tendenzen seines späteren Werkes scheinen in diesem Ansatz grundgelegt. Daraus ergibt sich als erste Feststellung, dass wir seine Predigten generell, aber auch bereits in dieser Phase, keineswegs immer als konventionelle Gemeindepredigten bezeichnen können, wenn man darunter entweder eine Themapredigt oder eine den Schritt vom biblischen Text zum Hörer nachvollziehende, ihn zur Umkehr rufende Predigt versteht. Eher kann man sie als "religiöse Reden" bezeichnen mit argumentativ-lebensverstehender Struktur, weniger appellativ als vielmehr aufzeigend und mitnehmend. Sprachlich und formal ist sein damaliger Predigtstil:
Die Schöpfung ist Produkt eines göttlichen Willensaktes, weshalb sie nach dem Sündenfall des Menschen nicht mit Naturnotwendigkeit zum Ursprung des innergöttlichen Lebens zurückkehren kann. Der Sündenfall bedeutet Aufstand der menschlichen "Selbstheit" gegen Gott; die Erlösung in Christus dagegen Preisgabe dieser natürlichen Selbstheit und Gewinnung einer neuen höheren Einheit von Mensch und Gott. Im Unterschied zu späteren Predigten von Tillich fällt in seinen frühen auf, dass er damals viel stärker die einzigartige Verbindung Jesu mit Gott betont hat, ja darüber hinaus sogar von einer Identität Jesu mit Gott sprechen konnte. Davon ist später leider nicht mehr viel zu lesen. Andererseits finden sich vereinzelt bereits hier Ansätze zu einer Christologie von unten. Darunter versteht man eine Lehre von Christus, die vom Menschen Jesus und seiner Verbundenheit mit Gott ausgeht. So finden wir hier bereits eine starke Betonung der Menschlichkeit Jesu. Statt von der Gottheit Jesu spricht er daher manchmal lieber von der Gottessohnschaft Jesu. Die Einheit Jesu mit Gott gründet in erster Linie in der Willenseinheit Jesu mit Gott. Die Zwei-Naturen-Lehre hält er für das Erzeugnis eines falschen naturgesetzlichen Denkens, das in der Theologie nichts zu suchen hätte. Das Kreuz gilt als Aufrichtung des ersten Gebotes, als Ernstnehmen des göttlichen Willens, zugleich aber als Angebot der Versöhnung mit Gott für alle Menschen. Weil die Gläubigen (Seelen) am Geschick Jesu Anteil haben, können sie durch ihn (im Durchgang durch den Tod) zu Gott zurückkehren und so das Heil wiedererlangen, das sie durch den Sündenfall verloren haben, sofern die Christustat die Seele des Menschen ganz erfüllt und darin gleichsam imaginiert wird. Die Kirche kommt in diesem System nicht an zentraler Stelle vor. Bei aller Lehrhaftigkeit seines Predigtstils, ist die dogmatische Argumentation aber angenehmerweise fast immer mit den allgemeinmenschlichen oder speziell religiösen Problemen der Hörer verbunden. Der Ausgangspunkt behandelt zumeist das Verhältnis von Gott und Mensch oder unsere Schwierigkeiten mit Gott aufgrund des in der Geschichte bzw. Gesellschaft Erlebten oder Erlebbaren, um sich mit Fragen der Moral, der Ehe, der Liebe oder nach dem Sinn des Lebens auseinanderzusetzen. Interessant ist, dass die Stoffe meist schon von sich aus einen Bezug zur religiösen Sphäre des Menschen haben. In spiritueller Absicht werden die verschiedensten Aspekte des christlichen Lebens behandelt wie z.B. Frömmigkeit, Gebet, persönliche Erbauung, Schwachheit und Kraft des Gotteswortes, Leben und Tod, Leiden und Gottverlassenheit, die Zweifel des Frommen, die Früchte des Glaubens, aber auch Furcht vor ungewissem Lebensschicksal und Einsamkeit. Seinen gebildeten Hörern macht er deutlich, dass der Zweifel an Gott nicht immer Zeichen von Glaubensschwäche sein muß, sondern zur Ehrlichkeit des Menschen gehören kann. Wo Tillich von der Situation des Menschen ausgeht, da erhält sie ihre eigentliche Seinstiefe erst dort, wo sie durch das Brennglas der christlichen Botschaft ihr Licht empfängt. Dieses Licht scheidet das Vorletzte vom Letzten, das Vergängliche vom Ewigen. Dabei betrachtet er den Menschen als ein Geschöpf Gottes, das in irgendeiner Weise durch seine Natur auf seinen letzten Seinsgrund in Gott bezogen ist, wie sehr es auch jetzt von ihm entfernt sein mag. Kein noch so tiefsitzender Zweifel an der Existenz Gottes kann ihm dieses Bezogensein auf seinen letzten Seinsgrund rauben. Damit können wir zweitens feststellen: Es gibt bei Tillich in jener Zeit entgegen allen anderslautenden Behauptungen kein einheitliches Predigt-Schema! Es werden fast ausschließlich individuelle und typische menschliche Situationen, aber kaum politische Probleme aufgegriffen! Anspielungen auf zeitgeschichtliche Ereignisse in jener Zeit fehlen (von wenigen Ausnahmen abgesehen) fast vollständig. In einer einzigen Predigt werden die Probleme der Industrialisierung und der Fabrikarbeit angesprochen, ansonsten überwiegt in Moabit das Allgemeinmenschliche, das Existenzielle. Der Gesamtduktus seiner Predigten lässt nicht vermuten, dass er zu jener Zeit ein ausgesprochen politisches Interesse an der Verbesserung der sozialen Lage der arbeitenden Bevölkerung gehabt hätte, eher schon an der Hebung und Festigung des religiösen Bewusstseins seiner Zuhörer und sicher auch an der Veränderung ihrer persönlichen Einstellung zu den vom damaligen Bürgertum meist etwas verächtlich behandelten Menschen in den Hinterhöfen Moabits, wobei davon auszugehen ist, dass zu Tillichs Predigthörern weniger die reichen Fabrikbesitzer gehörten, die meist ganz woanders wohnten, als vielmehr die einfachen Bürger und die Angehörigen der arbeitenden Bevölkerung, die sich durch ihre Nähe zur Kirche einerseits von den verelendeten Massen positiv abzuheben suchten, andererseits ihre soziale Verantwortung durchaus sahen. Ein bestimmter politischer Standpunkt etwa links von der konservativen Mitte ist in Tillichs Predigten jener Zeit nirgendswo deutlich erkennbar, so dass sein späterer "religiöser Sozialismus" eher als der Versuch verstanden werden muß, einen neuen theologischen Rahmen zu schaffen für die Auseinandersetzung mit den schwerwiegenden existenziellen Krisen der Menschen während und nach dem 1. Weltkrieg und den tragischen sozialen Verwerfungen, die mit dem Verlust der traditionellen Wertvorstellungen und Hierarchien seit der Abschaffung des Kaiserreiches einhergingen und große Teile der notleidenden Bevölkerung verunsicherten. Wenn man von hier aus einen Blick auf seine spätere Theologie der Kultur wirft, so lässt sich nach dem bisher Gesagten feststellen, dass er fast mit keinem Wort eine Trennung von sakraler und profaner Sphäre propagiert. Das Heilige kann bei Tillich durchaus sehr alltäglich sein, und die Religion ist der Sache nach bereits jetzt als die eigentliche Substanz der Kultur, ihre Geheimnistiefe verstanden. Indem wir alles uns angehende Irdisch-Weltliche vor Gott bringen und bedenken, erhält es so auch eine eigene Weihe, freilich nicht bloß im Sinne einer affirmativen Verklärung und Bestätigung der vorhandenen Verhältnisse, sondern auch im Sinne einer kritischen Wertung des Bestehenden. Die religiöse Interpretation der Wirklichkeit ist somit schon vom jungen Tillich als eine legitime Zielsetzung des Gottesdienstes anerkannt. Wirft man von hier aus einen Blick auf die etwa zur selben Zeit, als er an der Erlösergemeinde wirkte, niedergeschriebenen Thesen zur Systematischen Theologie aus dem Jahre 1913 (abgedruckt in: A. Bernet-Strahm, Die Vermittlung des Christlichen, 1982, bes. die Thesen 72, 73, 113, 116) so zeigt sich, dass für Tillich ganz im Sinne seines Lehrers Martin Kähler die christliche Glaubensgewissheit nicht an der historisch feststellbaren Gestalt Jesu festgemacht werden könne und dass die Offenbarung Gottes in Jesus Christus für unseren Glauben nur insoweit Bedeutung gewinnt, als sie den Gläubigen mit Gott direkt in Gemeinschaft bringt. Tillich behauptet sogar, dass es ganz in der Konsequenz der Rechtfertigungslehre liege, dass wir über den historischen Jesus durch Forschung keine letzte Sicherheit erlangen können, weil wir sonst gezwungen wären, einen doppelten Glauben zu entwickeln, den an den historischen Jesus und den an den in Christus angeschauten Gott. Die Eindeutigkeit des Glaubens und die Erfahrung der durch Christus vermittelten Gemeinschaft mit dem ewigen Gott dulden mithin keine Eintrübung des Glaubens durch die Historie. Die Frage nach der historischen Gewissheit des über Jesus Berichteten stelle sich nur für eine Metaphysik, die mit Hilfe von Begriffen wie Kausalität und Substanz nach der metaphysischen Möglichkeit der Person Jesu frage. Sie schafft sich Probleme (Trinitätstheologie und Zwei-Naturen-Lehre), wo es für Tillich keine geben müßte. 28. Mai 2002 |
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