1. Generell:
Die Perikopenordnung wird von Tillich nur selten streng befolgt!
(Daher ist auch eine chronologische Einordnung nicht immer
einfach, immerhin gibt es nicht selten Hinweise auf den
Predigtzweck, auf die homiletische Situation, auf den
Kirchenjahressonntag.) Eine Themaüberschrift haben sie
ursprünglich nicht gehabt. Häufig wird nur über
einen einzelnen Bibelvers gepredigt.
2. Wie lassen sich die Predigten Tillichs als
Predigttyp beschreiben?
2a. Den Versuch, einen
korrelativen, einen meditativen
und einen mythologisch-theosophischen Predigttyp zu
unterscheiden,
halte ich aufgrund meiner Lektüre der
Moabiter Predigten
für verfehlt. Man kann zwar
Elemente von allen drei Typen oder einzelne Elemente des einen
oder anderen Typs entdecken, doch daraus lässt sich keine
generelle Typologie ableiten.
Richtig ist, dass seine Predigten auch in ihrer seelsorgerlichen
Ansprache oft sehr lehrhaft wirken. Insofern können sie
vielleicht sogar als Lehrpredigten bezeichnet werden. (vgl. 3a,
6, 7, 12-14, 18)
Die dogmatische Argumentation ist aber angenehmerweise fast immer
mit den
allgemeinmenschlichen oder speziell religiösen
Problemen der Hörer verbunden. Der Ausgangspunkt
behandelt nicht selten das Verhältnis von Gott und Mensch
oder die Schwierigkeiten mit Gott aufgrund des in der Geschichte
bzw. Gesellschaft Erlebten oder Erlebbaren. Interessant ist, dass
die Stoffe nicht erst sekundär zu religiösen gemacht
werden müssen, sondern meist schon von sich aus einen Bezug
zur religiösen Sphäre des Menschen haben.
In seelsorgerlicher Absicht werden die verschiedensten
Aspekte
des christlichen Lebens behandelt wie z.B. Verhalten und
Frömmigkeit, Gebet, persönliche Erbauung, Schwachheit
und Kraft des Gotteswortes, Leben und Tod, Leiden und
Gottverlassenheit, die Zweifel des Frommen (vgl. Nr. 2 u.6), die
Früchte des Glaubens, aber auch Furcht vor ungewissem
Lebensschicksal und Einsamkeit.
Groß ist sein Interesse an der
inneren Dialektik
biblischer Worte, ihre scheinbare Widersprüchlichkeit:
z. B. "in meinem Hause gibt es viele Wohnungen" und "niemand
kommt zum Vater denn durch mich"; oder "betet ohn Unterlaß"
und gleichzeitig "weiß Gott ja alles, um was wir ihn
bitten".
Wenn die meditativ-lehrhaften Elemente fehlen wird noch
deutlicher als dies auch so schon der Fall ist, dass Tillich
immer von der
Situation des Menschen ausgeht, wie sie von der
christlichen Botschaft aus beleuchtet bzw. beantwortet werden
kann. Dabei betrachtet er den Menschen als ein Geschöpf
Gottes, das in irgendeiner Weise durch seine Natur auf einen
letzten Seinsgrund in Gott bezogen ist, wie sehr er auch jetzt
noch von ihm entfernt sein mag. Und kein noch so tiefsitzender
Zweifel an der Existenz Gottes kann ihm dieses Bezogensein auf
diesen letzten Seinsgrund rauben.
Wenn von einer
mythologisch-theosophischen Seite seiner
Predigten gesprochen werden kann
1, dann
hängt sie mit seiner Vorstellung von einem ganz ins
Innerliche des Menschen eingelassenen
Erlösermythos
zusammen, der in Jesus Christus Gestalt angenommen und den
Menschen (fast gnostisch anmutend) aus seinem todverfallenen
(wenngleich nicht als böse Natur abgewerteten) Dasein
befreit habe und immer wieder neu befreie, wenn die Christustat
in das Innere der Seele des Menschen aufgenommen und darin
gleichsam imaginiert werde (vgl. Nr. 1, 7, 8).
2b. Damit können wir feststellen: Es gibt bei
Tillich kein einheitliches Predigt-Schema!
Es werden fast ausschließlich individuelle und typische
menschliche Situationen, aber kaum politische Probleme
aufgegriffen!
Anspielungen auf zeitgeschichtliche Ereignisse in jener Zeit
fehlen fast vollständig:
Ausnahme Nr. 3, wo möglicherweise auf Ereignisse auf dem
Balkan angespielt wird, wo vom Oktober 1912 an kriegerische
Kampfhandlungen stattfanden, die zur Niederlage der mit
Deutschland verbündeten Türkei führten.
In einer einzigen Predigt (Nr. 20) werden die Probleme der
Industrialisierung und der Fabrikarbeit angesprochen, ansonsten
überwiegt in Moabit das Allgemeinmenschliche.
Der Gesamtduktus seiner Predigten lässt nicht vermuten, dass
er zu jener Zeit ein ausgesprochen politisches Interesse an der
Verbesserung der sozialen Lage der arbeitenden Bevölkerung
gehabt hätte, eher schon an der Hebung und Festigung des
religiösen Bewusstseins seiner Zuhörer und
gegebenenfalls an der Veränderung ihrer persönlichen
Einstellung zu den vom damaligen Bürgertum meist etwas von
oben herab behandelten Werktätigen, wobei davon auszugehen
ist, dass zu Tillichs Predigthörern weniger die reichen
Fabrikbesitzer gehörten als vielmehr die einfachen
Bürger und die Angehörigen der arbeitenden
Bevölkerung, soweit sie nicht völlig verelendet oder
der Kirche entfremdet waren.
Ein bestimmter politischer Standpunkt etwa links von der
rechts-konservativ-vaterländischen Mitte ist in Tillichs
Predigten jener Zeit nirgendwo deutlich erkennbar, so dass sein
späterer "religiöser Sozialismus" eher als der Versuch
verstanden werden muß, einen neuen religiösen
(religionssoziologischen) bzw. theologischen Rahmen zu schaffen
für die Auseinandersetzung mit den schwerwiegenden
existenziellen Krisen der Menschen während und nach dem 1.
Weltkrieg und den tragischen sozialen Verwerfungen, die mit dem
Verlust der traditionellen Wertvorstellungen und Hierarchien seit
der Abschaffung des Kaiserreiches einhergingen und große
Teile der notleidenden Bevölkerung tief verunsicherten 2.
Wie schon gesagt: Die soziale und politische Dimension des
menschlichen Daseins wird im allgemeinen von Tillich in jener
Zeit nicht thematisiert.
Die Stimmung seiner Moabiter Predigten (und der meisten anderen
jener Jahre vor dem Krieg) ist insgesamt eher unpolitisch.
Fragen der individuellen Moral, des Familienlebens, der
Berufsbewältigung und der zwischenmenschlichen Beziehungen
stehen im Vordergrund.
Im einzelnen beschreibt der junge Tillich die Situation des
Menschen als Bestimmtsein durch die Sünde, und d. i.
für ihn damals ein grundsätzlich verkehrtes
Verhältnis zu Gott, wie es in einzelnen Verfehlungen und
Verirrungen aufweisbar ist.
Daneben kommt er immer wieder auf die Probleme der
Vergänglichkeit und des Todes zu sprechen.
In fast schon platonisierender Sprache wird dabei die
Ewigkeit als die eigentliche, wahre Sphäre der
Vergänglichkeitssphäre dieser Welt des Scheins
und Betrugs entgegengesetzt. Doch will er diesen Gegensatz
nicht verabsolutiert sehen, da er im Prinzip
überwindbar ist: Ebenso wie der Apostel Paulus den Tod
als der Sünde Sold beurteilt, sieht auch Tillich das Leiden
an der Vergänglichkeit des Menschen in erster Linie als
Ergebnis seiner Abwendung und Abgewandtheit von Gott an (vgl.
dazu Nr.n 11 u. 15).
Hinsichtlich der später in apologetischer Absicht
entwickelten Überlegungen über ein
allgemeinmenschliches Transzendenzbewusstsein (indem er
das Bezogensein des Menschen auf etwas Unbedingtes als
maßgeblich ansieht, vgl. Nr. 16), das an keinen konkreten
Glauben gebunden ist, kann man erste Anzeichen dazu auch schon in
diesen Predigten entdecken. Allerdings würde man
darüber vielleicht Konkreteres lesen wollen. Denn im
Rückblick aus einer späteren Kenntnis seines Werkes mag
man aus seinen damaligen Predigten mehr herauslesen als faktisch
darin steht.
Immerhin wird die Existenzfrage des Menschen, von der er
in verschiedenen Formen umgetrieben wird, in Tillichs Predigten
bereits damals als Sehnsucht nach Lebenserfüllung und
Erlösung und sogar als Wahrheitsfrage verstanden, die im
ethischen Bewusstsein (Gewissen) sich als Wissen um
Zurückbleiben hinter in unseren letzten Lebensentscheidungen
verborgenen unabweisbaren Forderungen (Gottes)
niederschlägt. Auch wenn diese unbedingten Forderungen von
uns zeitweilig verdrängt werden, gelingt es uns doch
niemals, uns ihrer ganz zu entledigen.
Dieser Sicht des Menschen korrespondiert in seinen Predigten eine
starke Akzentuierung der Kreuzeserfahrung Jesu, in der
sich Selbsthingabe Jesu und Ausgeliefertsein Jesu an Gottes
Willen zu einer letzten Einheit von Mensch und Gott verbinden.
Indem Tillich zugleich unsere Erfahrung des Scheiterns an uns
selbst in unserer Gottlosigkeit in Verbindung mit unserer
Sehnsucht nach einer letzten Sinnerfüllung unseres
ständig (von Vergänglichkeit und Zerstörung)
bedrohten Lebens in dieser Kreuzeserfahrung Jesu aufgehoben
sieht, vermag er auch dem Menschen in seiner Zeit einen Weg aus
der Entfremdung von Gott zu einer Neubestimmung seiner Existenz
zu zeigen. (vgl. bes. die Nr.n 1 (leider nicht mitabgedruckt), 3,
5a, 5b, 7-13, 15, 17.
Dieser zunächst noch weitgehend aus der lutherischen
Predigt-Tradition übernommene Ansatz seiner
Kreuzestheologie tritt allerdings doch später
gegenüber einer neuartigen Geist-Theologie in den
Hintergrund, und aus Predigten werden allmählich
"religiöse Reden", die ein neues Selbstsein proklamieren,
für das das Christliche immer mehr zur bloßen
Illustration eines Allgemein-Menschenmöglichen wird.
So können wir unter dem Strich festhalten: In seinen
Predigten herrscht die Tendenz vor, alles Heteronom-Positive
am christlichen Glauben zu überwinden und die
Autonomie des Gedankens auch in der christlichen
Kerngemeinde zu etablieren. Die Wahrnehmung der religiösen
Erfahrung wird dabei legitimer Bestandteil seiner
Predigtkonzeption.
Wenn man von hier aus einen Blick auf seine spätere
Theologie der Kultur wirft, so lässt sich schon jetzt
feststellen, dass er fast mit keinem Wort eine Trennung von
sakraler und profaner Sphäre propagiert, das Heilige
kann bei Tillich durchaus sehr alltäglich sein, und die
Religion ist der Sache nach bereits jetzt als die eigentliche
Substanz der Kultur, ihre Geheimnistiefe verstanden. Indem
wir alles uns angehende Irdisch-Weltliche vor Gott bringen
und bedenken, erhält es so auch eine eigene Weihe,
freilich nicht bloß im Sinne einer affirmativen
Verklärung und Bestätigung der vorhandenen
Verhältnisse, sondern auch im Sinne einer kritischen Wertung
des Bestehenden. Die religiös-soziale Interpretation der
Wirklichkeit ist somit schon vom jungen Tillich als integrale
Aufgabe innerhalb des Gottesdienstes anerkannt.
Man mag hinsichtlich dieses alles Soziale überwölbenden
religiösen Universalismus bei Tillich einen gewissen
Pan(en)theismus bemerken, den man vielleicht als Erbteil
des Schellingschen Idealismus ausgeben kann, und der ihn umso
stärker in Richtung einer allgemein-religiösen
Kulturanthropologie treiben muss, je weniger er an einer
umfassenden Trinitätstheologie interessiert ist, die
freilich mehr sein müsste als eine christologische
Verlängerung einer christlichen Erlösungs- oder
Rechtfertigungserfahrung.
2c. Wie über das inhaltlich richtige Predigen in
jener Zeit geurteilt wurde, dazu folgende Zitate aus:
Theozentrische und christozentrische Predigtweise (in:
Protestantische Monatshefte, Hg. J. Websky, 1913) S. 464:
"Demgegenüber ist festzustellen, dass unsere denkenden
Gemeindeglieder von den immerwährenden christozentrischen
Predigten nicht angezogen, sondern zuerst gelangweilt und dann
peinlich berührt werden. Sie fühlen und wissen, dass
Gott der Mittelpunkt aller Religion, also auch der christlichen,
ist und bleiben muß und dass dieser Mittelpunkt auch durch
die Person Jesu nicht verrückt oder gar ersetzt werden
kann."
"Das Ideal einer christlichen Predigt muß uns doch wohl die
Predigt Jesu sein, so wie wir sie in den ersten drei Evangelien
vor uns haben. Und da steht es außer Zweifel, dass Gott,
der himmlische Vater, überall den Kern und Stern in der
Predigt Jesu bildet." (465)
"Ohne den allein wirksamen Gottesglauben würde der
Heilandsglaube in der Luft hängen." (471)
"Die Religion ist die Gemeinschaft des Menschen mit Gott, und die
christliche Religion die durch Christus vermittelte Gemeinschaft
mit Gott. Also immer, wir wiederholen es, bleibt Gott der
Mittelpunkt aller Religion. Dies muß der erste
unumstößliche Grundsatz bei der Predigt sein."
(474)
"Er ist das Leben, d.h. er trägt das göttliche Leben in
einer uns unbegreiflichen Fülle in sich, deshalb kann er
nicht sterben und ist auch für seine Gläubigen, die
sein Leben in sich aufnehmen, der Todesüberwinder und
Bürge der ewigen Seligkeit. Aber wohlgemerkt: alles, was
Jesus so ist, ist er nicht durch sich selbst, sondern durch Gott,
seinen himmlischen Vater, der immer unsichtbar hinter ihm steht
und ihn zu dem gemacht hat, was er ist und für uns ist."
(474)
"Für uns ist es also keine Frage, dass die theozentrische
Predigtweise die einzig richtige ist und dass alle Predigten
über Jesus und das Heil, das er uns erworben hat, zuletzt in
einem theozentrischen Ton enden müssen." (476)
1. Mai 2001