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Berliner Predigten
1909 - 13
Überlegungen zu den
Moabiter Predigten
Tillichs Moabiter Predigten

Ergebnisse eines Durchgangs durch Tillichs Moabiter Predigten

1. Generell:

Die Perikopenordnung wird von Tillich nur selten streng befolgt! (Daher ist auch eine chronologische Einordnung nicht immer einfach, immerhin gibt es nicht selten Hinweise auf den Predigtzweck, auf die homiletische Situation, auf den Kirchenjahressonntag.) Eine Themaüberschrift haben sie ursprünglich nicht gehabt. Häufig wird nur über einen einzelnen Bibelvers gepredigt.

2. Wie lassen sich die Predigten Tillichs als Predigttyp beschreiben?

2a. Den Versuch, einen korrelativen, einen meditativen und einen mythologisch-theosophischen Predigttyp zu unterscheiden, halte ich aufgrund meiner Lektüre der Moabiter Predigten für verfehlt. Man kann zwar Elemente von allen drei Typen oder einzelne Elemente des einen oder anderen Typs entdecken, doch daraus lässt sich keine generelle Typologie ableiten.
Richtig ist, dass seine Predigten auch in ihrer seelsorgerlichen Ansprache oft sehr lehrhaft wirken. Insofern können sie vielleicht sogar als Lehrpredigten bezeichnet werden. (vgl. 3a, 6, 7, 12-14, 18)
Die dogmatische Argumentation ist aber angenehmerweise fast immer mit den allgemeinmenschlichen oder speziell religiösen Problemen der Hörer verbunden. Der Ausgangspunkt behandelt nicht selten das Verhältnis von Gott und Mensch oder die Schwierigkeiten mit Gott aufgrund des in der Geschichte bzw. Gesellschaft Erlebten oder Erlebbaren. Interessant ist, dass die Stoffe nicht erst sekundär zu religiösen gemacht werden müssen, sondern meist schon von sich aus einen Bezug zur religiösen Sphäre des Menschen haben.
In seelsorgerlicher Absicht werden die verschiedensten Aspekte des christlichen Lebens behandelt wie z.B. Verhalten und Frömmigkeit, Gebet, persönliche Erbauung, Schwachheit und Kraft des Gotteswortes, Leben und Tod, Leiden und Gottverlassenheit, die Zweifel des Frommen (vgl. Nr. 2 u.6), die Früchte des Glaubens, aber auch Furcht vor ungewissem Lebensschicksal und Einsamkeit.
Groß ist sein Interesse an der inneren Dialektik biblischer Worte, ihre scheinbare Widersprüchlichkeit: z. B. "in meinem Hause gibt es viele Wohnungen" und "niemand kommt zum Vater denn durch mich"; oder "betet ohn Unterlaß" und gleichzeitig "weiß Gott ja alles, um was wir ihn bitten".
Wenn die meditativ-lehrhaften Elemente fehlen wird noch deutlicher als dies auch so schon der Fall ist, dass Tillich immer von der Situation des Menschen ausgeht, wie sie von der christlichen Botschaft aus beleuchtet bzw. beantwortet werden kann. Dabei betrachtet er den Menschen als ein Geschöpf Gottes, das in irgendeiner Weise durch seine Natur auf einen letzten Seinsgrund in Gott bezogen ist, wie sehr er auch jetzt noch von ihm entfernt sein mag. Und kein noch so tiefsitzender Zweifel an der Existenz Gottes kann ihm dieses Bezogensein auf diesen letzten Seinsgrund rauben.
Wenn von einer mythologisch-theosophischen Seite seiner Predigten gesprochen werden kann 1, dann hängt sie mit seiner Vorstellung von einem ganz ins Innerliche des Menschen eingelassenen Erlösermythos zusammen, der in Jesus Christus Gestalt angenommen und den Menschen (fast gnostisch anmutend) aus seinem todverfallenen (wenngleich nicht als böse Natur abgewerteten) Dasein befreit habe und immer wieder neu befreie, wenn die Christustat in das Innere der Seele des Menschen aufgenommen und darin gleichsam imaginiert werde (vgl. Nr. 1, 7, 8).

2b. Damit können wir feststellen: Es gibt bei Tillich kein einheitliches Predigt-Schema!
Es werden fast ausschließlich individuelle und typische menschliche Situationen, aber kaum politische Probleme aufgegriffen!
Anspielungen auf zeitgeschichtliche Ereignisse in jener Zeit fehlen fast vollständig:
Ausnahme Nr. 3, wo möglicherweise auf Ereignisse auf dem Balkan angespielt wird, wo vom Oktober 1912 an kriegerische Kampfhandlungen stattfanden, die zur Niederlage der mit Deutschland verbündeten Türkei führten.
In einer einzigen Predigt (Nr. 20) werden die Probleme der Industrialisierung und der Fabrikarbeit angesprochen, ansonsten überwiegt in Moabit das Allgemeinmenschliche.
Der Gesamtduktus seiner Predigten lässt nicht vermuten, dass er zu jener Zeit ein ausgesprochen politisches Interesse an der Verbesserung der sozialen Lage der arbeitenden Bevölkerung gehabt hätte, eher schon an der Hebung und Festigung des religiösen Bewusstseins seiner Zuhörer und gegebenenfalls an der Veränderung ihrer persönlichen Einstellung zu den vom damaligen Bürgertum meist etwas von oben herab behandelten Werktätigen, wobei davon auszugehen ist, dass zu Tillichs Predigthörern weniger die reichen Fabrikbesitzer gehörten als vielmehr die einfachen Bürger und die Angehörigen der arbeitenden Bevölkerung, soweit sie nicht völlig verelendet oder der Kirche entfremdet waren.
Ein bestimmter politischer Standpunkt etwa links von der rechts-konservativ-vaterländischen Mitte ist in Tillichs Predigten jener Zeit nirgendwo deutlich erkennbar, so dass sein späterer "religiöser Sozialismus" eher als der Versuch verstanden werden muß, einen neuen religiösen (religionssoziologischen) bzw. theologischen Rahmen zu schaffen für die Auseinandersetzung mit den schwerwiegenden existenziellen Krisen der Menschen während und nach dem 1. Weltkrieg und den tragischen sozialen Verwerfungen, die mit dem Verlust der traditionellen Wertvorstellungen und Hierarchien seit der Abschaffung des Kaiserreiches einhergingen und große Teile der notleidenden Bevölkerung tief verunsicherten 2.

Wie schon gesagt: Die soziale und politische Dimension des menschlichen Daseins wird im allgemeinen von Tillich in jener Zeit nicht thematisiert.
Die Stimmung seiner Moabiter Predigten (und der meisten anderen jener Jahre vor dem Krieg) ist insgesamt eher unpolitisch.
Fragen der individuellen Moral, des Familienlebens, der Berufsbewältigung und der zwischenmenschlichen Beziehungen stehen im Vordergrund.
Im einzelnen beschreibt der junge Tillich die Situation des Menschen als Bestimmtsein durch die Sünde, und d. i. für ihn damals ein grundsätzlich verkehrtes Verhältnis zu Gott, wie es in einzelnen Verfehlungen und Verirrungen aufweisbar ist.
Daneben kommt er immer wieder auf die Probleme der Vergänglichkeit und des Todes zu sprechen.
In fast schon platonisierender Sprache wird dabei die Ewigkeit als die eigentliche, wahre Sphäre der Vergänglichkeitssphäre dieser Welt des Scheins und Betrugs entgegengesetzt. Doch will er diesen Gegensatz nicht verabsolutiert sehen, da er im Prinzip überwindbar ist: Ebenso wie der Apostel Paulus den Tod als der Sünde Sold beurteilt, sieht auch Tillich das Leiden an der Vergänglichkeit des Menschen in erster Linie als Ergebnis seiner Abwendung und Abgewandtheit von Gott an (vgl. dazu Nr.n 11 u. 15).
Hinsichtlich der später in apologetischer Absicht entwickelten Überlegungen über ein allgemeinmenschliches Transzendenzbewusstsein (indem er das Bezogensein des Menschen auf etwas Unbedingtes als maßgeblich ansieht, vgl. Nr. 16), das an keinen konkreten Glauben gebunden ist, kann man erste Anzeichen dazu auch schon in diesen Predigten entdecken. Allerdings würde man darüber vielleicht Konkreteres lesen wollen. Denn im Rückblick aus einer späteren Kenntnis seines Werkes mag man aus seinen damaligen Predigten mehr herauslesen als faktisch darin steht.
Immerhin wird die Existenzfrage des Menschen, von der er in verschiedenen Formen umgetrieben wird, in Tillichs Predigten bereits damals als Sehnsucht nach Lebenserfüllung und Erlösung und sogar als Wahrheitsfrage verstanden, die im ethischen Bewusstsein (Gewissen) sich als Wissen um Zurückbleiben hinter in unseren letzten Lebensentscheidungen verborgenen unabweisbaren Forderungen (Gottes) niederschlägt. Auch wenn diese unbedingten Forderungen von uns zeitweilig verdrängt werden, gelingt es uns doch niemals, uns ihrer ganz zu entledigen.
Dieser Sicht des Menschen korrespondiert in seinen Predigten eine starke Akzentuierung der Kreuzeserfahrung Jesu, in der sich Selbsthingabe Jesu und Ausgeliefertsein Jesu an Gottes Willen zu einer letzten Einheit von Mensch und Gott verbinden. Indem Tillich zugleich unsere Erfahrung des Scheiterns an uns selbst in unserer Gottlosigkeit in Verbindung mit unserer Sehnsucht nach einer letzten Sinnerfüllung unseres ständig (von Vergänglichkeit und Zerstörung) bedrohten Lebens in dieser Kreuzeserfahrung Jesu aufgehoben sieht, vermag er auch dem Menschen in seiner Zeit einen Weg aus der Entfremdung von Gott zu einer Neubestimmung seiner Existenz zu zeigen. (vgl. bes. die Nr.n 1 (leider nicht mitabgedruckt), 3, 5a, 5b, 7-13, 15, 17.
Dieser zunächst noch weitgehend aus der lutherischen Predigt-Tradition übernommene Ansatz seiner Kreuzestheologie tritt allerdings doch später gegenüber einer neuartigen Geist-Theologie in den Hintergrund, und aus Predigten werden allmählich "religiöse Reden", die ein neues Selbstsein proklamieren, für das das Christliche immer mehr zur bloßen Illustration eines Allgemein-Menschenmöglichen wird.
So können wir unter dem Strich festhalten: In seinen Predigten herrscht die Tendenz vor, alles Heteronom-Positive am christlichen Glauben zu überwinden und die Autonomie des Gedankens auch in der christlichen Kerngemeinde zu etablieren. Die Wahrnehmung der religiösen Erfahrung wird dabei legitimer Bestandteil seiner Predigtkonzeption.
Wenn man von hier aus einen Blick auf seine spätere Theologie der Kultur wirft, so lässt sich schon jetzt feststellen, dass er fast mit keinem Wort eine Trennung von sakraler und profaner Sphäre propagiert, das Heilige kann bei Tillich durchaus sehr alltäglich sein, und die Religion ist der Sache nach bereits jetzt als die eigentliche Substanz der Kultur, ihre Geheimnistiefe verstanden. Indem wir alles uns angehende Irdisch-Weltliche vor Gott bringen und bedenken, erhält es so auch eine eigene Weihe, freilich nicht bloß im Sinne einer affirmativen Verklärung und Bestätigung der vorhandenen Verhältnisse, sondern auch im Sinne einer kritischen Wertung des Bestehenden. Die religiös-soziale Interpretation der Wirklichkeit ist somit schon vom jungen Tillich als integrale Aufgabe innerhalb des Gottesdienstes anerkannt.
Man mag hinsichtlich dieses alles Soziale überwölbenden religiösen Universalismus bei Tillich einen gewissen Pan(en)theismus bemerken, den man vielleicht als Erbteil des Schellingschen Idealismus ausgeben kann, und der ihn umso stärker in Richtung einer allgemein-religiösen Kulturanthropologie treiben muss, je weniger er an einer umfassenden Trinitätstheologie interessiert ist, die freilich mehr sein müsste als eine christologische Verlängerung einer christlichen Erlösungs- oder Rechtfertigungserfahrung.

2c. Wie über das inhaltlich richtige Predigen in jener Zeit geurteilt wurde, dazu folgende Zitate aus: Theozentrische und christozentrische Predigtweise (in: Protestantische Monatshefte, Hg. J. Websky, 1913) S. 464: "Demgegenüber ist festzustellen, dass unsere denkenden Gemeindeglieder von den immerwährenden christozentrischen Predigten nicht angezogen, sondern zuerst gelangweilt und dann peinlich berührt werden. Sie fühlen und wissen, dass Gott der Mittelpunkt aller Religion, also auch der christlichen, ist und bleiben muß und dass dieser Mittelpunkt auch durch die Person Jesu nicht verrückt oder gar ersetzt werden kann."
"Das Ideal einer christlichen Predigt muß uns doch wohl die Predigt Jesu sein, so wie wir sie in den ersten drei Evangelien vor uns haben. Und da steht es außer Zweifel, dass Gott, der himmlische Vater, überall den Kern und Stern in der Predigt Jesu bildet." (465)
"Ohne den allein wirksamen Gottesglauben würde der Heilandsglaube in der Luft hängen." (471)
"Die Religion ist die Gemeinschaft des Menschen mit Gott, und die christliche Religion die durch Christus vermittelte Gemeinschaft mit Gott. Also immer, wir wiederholen es, bleibt Gott der Mittelpunkt aller Religion. Dies muß der erste unumstößliche Grundsatz bei der Predigt sein." (474)
"Er ist das Leben, d.h. er trägt das göttliche Leben in einer uns unbegreiflichen Fülle in sich, deshalb kann er nicht sterben und ist auch für seine Gläubigen, die sein Leben in sich aufnehmen, der Todesüberwinder und Bürge der ewigen Seligkeit. Aber wohlgemerkt: alles, was Jesus so ist, ist er nicht durch sich selbst, sondern durch Gott, seinen himmlischen Vater, der immer unsichtbar hinter ihm steht und ihn zu dem gemacht hat, was er ist und für uns ist." (474)
"Für uns ist es also keine Frage, dass die theozentrische Predigtweise die einzig richtige ist und dass alle Predigten über Jesus und das Heil, das er uns erworben hat, zuletzt in einem theozentrischen Ton enden müssen." (476)

Wolfgang Massalsky

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1Was vermutlich mit seinen Schelling-Studien zusammenhängt.
2Dagegen nahm Barth für sich in Anspruch, nicht nur die richtige Gesinnung, sondern auch die richtige politische Theorie zu besitzen. In seinen Augen ist "religiöser" Sozialismus wohl nichts anderes als eine gutgemeinte Absichtserklärung des Bürgertums gewesen, die der Arbeiterschaft in ihrem politischen Tageskampf nur wenig nutzen konnte; insofern vielleicht sogar Ausdruck einer gesellschaftspolitischen Unentschlossenheit zwischen einem politisch-parteilichen Engagement zugunsten von Arbeiterinteressen und reiner bürgerlicher Indifferenz, wie es ja auch der Briefwechsel zwischen Barth und Tillich wegen dessen Aufgabe seiner Mitgliedschaft in der SPD anzudeuten scheint.)

1. Mai 2001

 
Paul Tillich Aus dem Gemeindebrief Bibelarbeiten Diskussionspapiere Predigten