![]() |
|
||||||||||||||||
|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|---|
|
|
Paul Tillichs Theologie in ihren Grundentscheidungen in 8 Thesen, vorgelegt und erläutert auf dem Paul-Tillich-Abend1.
These: Die Frage nach Gott wird bei Tillich nicht
nur abstrakt aus der Heiligen Schrift und der dogmatischen
Tradition beantwortet, sondern immer auch auf die heutige
menschliche Erfahrung bezogen. Darin unterscheidet er sich
entschieden von der "dialektischen" Theologie der 20er Jahre.
2. These: Das, was das menschliche Dasein zu definieren scheint, die Ziele, die wir Menschen uns setzen, die Rahmenbedingungen, der Kontext, in dem wir unser menschliches Dasein zur Entfaltung bringen, werden von ihm auf den uns unsichtbar umgreifenden letzten Horizont unseres Lebens bezogen, und zwar so, dass es erst von diesem her seine eigentliche Sinntiefe empfängt. (Aber wie ist dieser letzte Horizont zu verstehen?) 3. These: Die Gotteslehre wird damit von Tillich einerseits (anthropologisch) bestimmt durch das Wissen um eine transzendente Dimension, die in allem konkret Erlebten mitschwingt, andererseits durch eine Metaphysik, die den biblischen Gottesgedanken mit einem Seinsdenken auf eine Stufe stellt, wonach "Gott" nur eine Chiffre oder besser ein Symbol für das uns "unbedingt angehende" Sein in seiner Tiefe darstellt. (Dabei übersieht Tillich allerdings völlig, dass die biblische Gotteserfahrung aus geschichtlichen Widerfahrnissen erwachsen ist und der Gott der Bibel kein unveränderliches geschichtsloses Wesen ist!) 4. These: Freilich gewinnt Tillich damit einen von der doktrinären christlichen Tradition befreiten Glaubensbegriff. Während letzterer Heilige Schrift, Verkündigung und Glaubensgehorsam als Wirklichkeiten des Heiligen Geistes mit den Lebensordnungen der Kirche als Heils-Institution unauflöslich verband, so dass es eine Christenheit ohne Kirche nicht geben konnte, kann Tillichs Glaubensverständnis als Ausdruck der modernen Emanzipation der Christenheit und ihres Glaubens aus den autoritären Formen kirchlicher Glaubenssysteme verstanden werden. Damit ist er zum Wegbereiter eines Christentums ohne Kirche oder eines "anonymen" Christentums, eines in diesem Sinne "freien" Christentums geworden. 5. These: Jede Form eines den Menschen bis in sein Innerstes beanspruchenden und ausfüllenden Engagements konnte nun als "Glaube" ausgegeben werden, wobei man jedoch fragen müsste, woran solcher Glaube eigentlich wirklich glaubt. Darf die Frage nach dem (objektiven) Grund des Glaubens übersprungen werden? Und ist Glaube anders als an einen personhaft handelnden, mich ansprechenden, mich engagierenden Gott vollziehbar? Und schließlich ist noch zu fragen: Vermag die Rede von Gott als Symbol eines unauslotbaren Seins-Geheimnisses der atheistischen Gottesleugnung auf Dauer standzuhalten? 6. These: Tillich leugnet nicht, dass es falsche, dämonische Glaubensformen, wahnhafte Glaubensideologien gibt: darunter viele Nationalismen und Imperialismen des 19. und 20. Jahrhunderts. Auch die marxistische Utopie von der klassenlosen Gesellschaft zählt er dazu. Im persönlichen Bereich mag es das unbedingte Streben nach Erfolg sein, das dem Menschen immer neue Ziele vorgaukelt, das aber sehr oft in Selbstzerstörung umschlagen kann, wenn man ihm alles andere, was das Leben erst wertvoll macht, zu opfern bereit ist. Das zeigt sich in der Begierde nach grenzenloser Sicherung des eigenen Daseins genauso wie in den vielen Formen der Selbstverwirklichung auf Kosten des anderen und der Natur. Aber trifft Tillichs Charakterisierung der Sünde als bloße "Entfremdung" vom eigentlichen Sein überhaupt den Sinn der biblischen Rede von der Sünde als Selbstverfehlung (Röm 7) und der Missachtung der Gebote Gottes? Und was bedeutet es, dass Jesus Christus als der Repräsentant eines "neuen Seins" verstanden werden soll? Kann auf der Sündlosigkeit eines unentfremdeten Lebens - wie sie im Prinzip jedem Menschen möglich sein sollte - die Lehre von Christus als allein "wahrer Mensch und wahrer Gott" aufgebaut werden? 7. These: Tillich möchte eigentlich verhindern, dass ein Vorletztes zu etwas Letztem verabsolutiert wird. Aber kann das gelingen, wenn "Gott" selbst nur den Wert eines Symbols hat und damit als Richter über den Unglauben ausfällt? Wie kann Gottes Abwesenheit im Alltag überhaupt noch als Gericht verstanden werden, wenn sein Fehlen jederzeit durch einen anderen symbolischen Gegenstand ersetzt werden kann? Hat sich Gott nicht am Kreuz unverwechselbar und unauflösbar mit Jesus Christus identifiziert? Inwieweit können andere Symbole dasselbe leisten? 8. These: Andererseits bemüht sich Paul Tillich doch darum, Gott als Seinsmacht und Lebensgrund mit dem Lebensgefühl des Menschen in Beziehung zu setzen, wobei Gott als eine Macht verstanden wird, die stärker ist als alle Seinszerstörung. Im Gegenteil: Gott ist die in allem Seienden gegen seine Zerstörung ankämpfende Urmacht des Seins, die Quelle unseres Seinsvertrauens, das im "Mut zum Sein" trotz aller Katastrophen und Erschütterungen spürbar ist. Darum ist Gott selber das nicht personifizierbare, ungegenständliche Geheimnis des Daseins, Grund und Abgrund allen Seins (im Sinne Schellings), das in sehr verschiedenen Formen und Bildern angeschaut und aktualisiert werden kann. Ist der dreieinige Gott, zu dem sich die Christenheit bekennt, in diesem Schemen noch erkennbar? Pfarrer Wolfgang Massalsky, zum 16. 5. 2001 |
||||||||||||||||
|